Kabbala und die jüdische Mystik


Kabbala und die jüdische Mystik
Kabbala und die jüdische Mystik
 
Die Kabbala - das Wort heißt übersetzt »Empfangen« beziehungsweise »Überlieferung« - versteht sich als geheime jüdische Tradition. Obwohl sich kabbalistische Werke gelegentlich auf vormosaische Überlieferungen beziehen - das Buch Jezirah, das Buch der Schöpfung, etwa auf Abraham oder das Buch Rasiel auf Adam - oder auf Offenbarungen, die den Kabbalisten selbst zuteil wurden, verbleibt sie doch im Rahmen der schriftlichen und mündlichen Thora, deren Geheimnisse sie zu ergründen sucht, und tritt im Allgemeinen nicht in Gegensatz zum rabbinischen Judentum. So präsentiert sich die wichtigste Quelle der späteren Kabbala, der »Sohar«, das »Buch des Glanzes«, als mystischer Midrasch des Rabbi Simon ben Jochaj vom 2. Jahrhundert n. Chr.
 
Zwei biblische Stellen haben die Kabbalisten besonders beschäftigt: das Schöpfungswerk (1. Mose 1,1ff.) und die Vision des Propheten Ezechiel vom Thronwagen Gottes am Anfang des Prophetenbuches. An diese Stellen knüpfen sie ihre kosmogonischen und theogonischen Spekulationen an. Die Initiation zu diesen Stoffen wird in der Mischna streng beschränkt: »Man trägt nicht vor. .. über das Schöpfungswerk (Maasse Bereschit) bei zweien, über den Wagen (Merkawa) nicht bei einem, es sei denn, dass er ein Weiser ist«. Die prophetische Vision des Furcht erregenden Triumphzugs des Allmächtigen auf seinem Thronwagen ist der tiefste Gegenstand der mystischen Versenkung. Dieser mystische Bereich, den zu betreten auch für die Weisen gefährlich war, bezeichnet die Tradition als »Pardes«, das heißt Garten. Von vier Gelehrten, die den Pardes betraten, sagt der babylonische Talmud, ist einer gestorben, einer verrückt geworden, einer vom Glauben abgefallen und nur einer, nämlich ihr mystischer Führer Rabbi Akiba ben Josef, heil wieder herausgekommen. Als mystischer Garten gilt insbesondere der Nussgarten im Hohenlied 6, 11. Der Abstieg in den Nussgarten lässt sich in seinem Kontext als Schilderung einer Merkawa-Vision deuten. Die Mystiker, die sich dieser Schau befleißigten, wurden später »Jorde Merkawa«, die zur Merkawa Hinabsteigenden, genannt. Hier stoßen wir auch auf eines der eigenartigsten Symbole der Kabbala: die Nuss. Der Midrasch Haggada beschreibt die Nuss als Symbol des Judentums und vergleicht zum Beispiel die ideale theozentrische Lagerordnung Israels in der Wüste mit der konzentrischen Anatomie der Walnuss: »Wie die Nuss unter den vier Hüllen den Kern in der Mitte birgt, so wohnten auch die Israeliten in der Wüste als vier Kohorten, als vier Lager, und das Stiftszelt in der Mitte.« In der Kabbala wird die Nuss zu einem umfassenden Bild für Gott, für die Schöpfung und für die Thora. Sie ist in der Tat ein treffendes Symbol für die mystische Natur der Dinge, die sich unter der äußeren Schale verbirgt. Dieses Symbol soll im folgenden als Leitfaden dienen.
 
Der deutsche Chassid des 12./13. Jahrhunderts Eleasar von Worms schreibt zum Hohenlied 6, 11 und zu Ezechiel 1ff.: »Jeder, der die mystische Bedeutung der Nuss nicht kennt, kennt auch nicht die Maasse Merkawa«. Er führt einen minutiösen Vergleich zwischen den Strukturen der Walnuss und der Merkawa durch. Die Schalen der Walnuss entsprechen dabei den die Merkawa umgebenden vier Auren aus Wind, Wolken, Feuer, Glanz (Ezechiel 1,4), und der Nusskern den Tieren, dem inneren Licht, dem Thron und der Glorie Gottes. Der Vergleich der Nuss mit der Erscheinung Gottes ist die Grundlage für ein in der späteren Kabbala weit verbreitetes fünffältiges Gottesbild. Die drei äußeren Schalen (Wind, Wolken, Feuer) entsprechen dabei der dunklen, anderen Seite der Gottheit im Gegensatz zu seinem lichten Zentrum, während die vierte Schale, die Glanzschale, die sowohl am Inneren wie am Äußeren teilhat, zwischen ihnen vermittelt. Im »Sohar«, der im 13. Jahrhundert in Spanien erschien, wird dann das ambivalente Bild der Nuss für den göttlichen und den dämonischen Bereich sehr häufig verwendet. In einem eindrucksvollen Text wird geschildert, wie Salomon, der als Verfasser des Hohenliedes gilt, in den Nussgarten hinabsteigt (Hoheslied 6, 11), eine Nussschale aufhebt und über die Schale und den Kern der Dinge, über Gut und Böse meditiert. Er sieht in der Schale allerdings das zehnfaltige Gottesbild der Kabbalisten, das sich vom Nichts bis zum Reich Gottes konzentrisch in zehn Sphären entfaltet. Der »Sohar« beschreibt diesen Emanationsprozess als sphärische Ausbreitung und gleichzeitig als zunehmende Materialisierung des Lichts. In dem Maße, wie Gott sich erschließt, verschließt er sich auch. Vom inneren Standpunkt ist Schale, was vom äußeren Standpunkt Kern ist. Der Dualismus von Schale und Kern wird hier also monistisch aufgehoben.
 
Von zentraler Bedeutung bleibt das dualistische Bild von den Schalen und dem Kern der Nuss in der Kabbala, die Isaak Luria in Safad verkündet hat und die die jüdische Theosophie und Mystik bis heute prägt. In der lurianischen Kabbala sind die Schalen, in denen die gefallenen Funken des göttlichen Lichts eingeschlossen sind, ein Symbol der Entfernung und Entfremdung aller Geschöpfe von Gott. Die mystische Sendung Israels besteht nach dieser Kabbala darin, beim Vollzug der religiösen Gebote die gefangenen göttlichen Funken aus ihren Schalen zu erlösen, zum göttlichen Licht zu erheben und so den ursprünglichen Zustand vor dem Fall wiederherzustellen (Tikun). Diese Kabbala hat starke messianische Züge. Es lag nahe, dass sich ein »Messias« wie Sabbatai Zwi auf sie berief. In der von ihm ausgehenden messianischen Bewegung, die im 17. Jahrhundert weite Teile des Judentums ergriff, wird die Vollendung des Erlösungswerkes dem Messias überantwortet. Nach der messianischen Befreiung der letzten Funken aus den Schalen verliert die Befolgung der Gebote ihren eigentlichen Sinn und ihre Übertretung wird geradezu als Zeichen der Erlösung gefordert. Auch die Bekehrung des gescheiterten »Messias« zum Islam wird von seinen Anhängern noch als äußerster Erlösungsakt zur Befreiung der unter den Völkern verstreuten Funken gedeutet. Der polnische Chassidismus hat in gewisser Weise die lurianische Kabbala von der Erlösung der Funken ohne deren häretische Konsequenzen aufgenommen und popularisiert.
 
Die Nuss ist auch ein kabbalistisches Bild für die Thora. Der spanische Kabbalist Josef ben Abraham Schikatilla vergleicht in seinem Werk »Ginat Egos«, »Der Nussgarten« von 1274, die Schale und die Frucht der Nuss mit dem exoterischen und esoterischen Schriftsinn der Thora. Der Kabbalist sieht seine besondere Aufgabe darin, die geheime göttliche Botschaft der Thora zu knacken. Im »Sohar« heißt es in einem mystischen Midrasch zum Buch Ruth über das Hohelied 6, 11: »Die Worte der Thora werden mit einer Nuss verglichen. Wie ist das zu verstehen? Genau wie die Nuss eine äußere Schale und einen inneren Kern hat, so enthält auch jedes Wort der Thora ein äußeres Faktum (Maasse), Midrasch, Haggada und Mysterium (Sod), wobei jedes einen tieferen Sinn vorstellt als das Vorangehende.« Die Lehre vom vierfachen Schriftsinn wird mit dem Schlüsselwort »Pardes« angezeigt, wobei P für den wörtlichen (Pschat), R für den allegorischen (Remes), D für den moralischen (Drasch), und S für den mystischen Sinn (Sod) steht. Solcher griffigen Formeln unbeschadet sind die Kabbalisten wie die Rabbinen aber von der unerschöpflichen Sinntiefe der Thora überzeugt. Im »Sohar« werden zum Beispiel siebzig verschiedene Deutungen zu den ersten Versen der Genesis gegeben und ein Wort der späteren lurianischen Kabbala sagt, dass es so viele Deutungen wie Hörer der Offenbarung gibt, also 600 000.
 
Da die Schöpfung wie die Offenbarung durch das Wort geschieht, also eine Sprachhandlung ist, kann sie letztlich auf Buchstaben und Buchstabenkombinationen zurückgeführt werden. Darauf beruht auch die praktische Kabbala, die durch sprachliche Formeln die Wirklichkeit, die aus dem gleichen Gewebe ist, beeinflussen will.
 
Dr. Daniel Krochmalnik
 
 
Maier, Johann: Geschichte der jüdischen Religion. Von der Zeit Alexanders des Großen bis zur Aufklärung mit einem Ausblick auf das 19./20. Jahrhundert. Neuausgabe Freiburg im Breisgau u. a. 21992.
 Scholem, Gershom: Die jüdische Mystik in ihren Hauptströmungen. Frankfurt am Main 51993.

Universal-Lexikon. 2012.

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